Orobie Ultra Trail Rennbericht

Der Orobie Ultra Trail ist definitiv nichts für Warmduscher. Bei der Erstausführung durften die Wagemutigen zwischen 70km mit 5400hm D+ sowie 140km mit 9500hm D+ wählen, um durch die teils weglosen Bergamasker Alpen nach Bergamo zu laufen. Kurt Nadler war dabei und nimmt uns auf die Reise mit. Nach dem Bericht wird auch klar, warum von 251 Startern gerade mal 41 das Ziel erreicht haben!

Immer auf denselben Pfaden laufen? Nein, das ist nichts für mich. Bei der Planung der Saison durchforste ich deshalb das Internet (Anmerkung: und hoffentlich auch unseren Rennkalender) nach neuen Herausforderungen und entdecke da Folgendes:

Orobie Ultra Trail – Die Fakten

Streckenprofil © Orobie Trail

Streckenprofil 140km mit 9500hm D+ © Orobie Trail

Neugierig studiere ich die Details und bekomme in Anbetracht der Erstdurchführung einen sehr positiven Eindruck des Veranstalters. Die Strecke führ über 140km und 9500hm D+. Warum nicht…

Ein halbes Jahr später steige ich am Vortag des Rennens aus dem Zug und betrete zum ersten Mal die Stadt BERGAMO. Eine schwüle Hitze schlägt mir entgegen; „das kann ja heiter werden“ geht mir durch den Kopf. Ich orientiere mich am Roadbook und bewege mich zum PALANORDA, einem Basketballstadion, welches temporär zum Hauptquartier für die Startnummernausgabe umfunktioniert wurde.

Fakten © Orobie Trail

Fakten © Orobie Trail

Verschiedene Fahnen und Werbeschilder weisen mir den Weg in die vorbildlich organisierte Halle. Gegen Vorzeigen eines Ausweises erhalte ich 3 Dropbags sowie mehrere Give-Aways. Diesmal sind es weder Feinwaschmittel noch Duschgel, sondern wirklich sinnvolle Artikel wie Erstehilfeset, Softflask, Not-Decke, Trinkbecher, Stirnband und sogar eine Stirnlampe von Petzl. Mit meinen holprigen Italienischkenntnissen bin ich froh,  dass man hier auch Englisch spricht. Da der Zieleinlauf in der „Città Alta“ von Bergamo vorgesehen ist, habe ich in weiser Voraussicht ein Zimmer in der unmittelbaren Nähe gebucht. Dumm nur, dass es im 3. Stock und ausschliesslich über eine Wendeltreppe erreichbar ist. Ich ahne bereits Schlimmes für die nächsten Tage.

Am nächsten Tag um 09:00 Uhr findet das Race-Briefing im PALANORDA statt. Dort kann ich auch meine Dropbags für die 2 Life-Bases und für das Ziel abgeben. Nach einer 45’minütigen Instruktion auf Italienisch werden die wichtigsten Punkte nochmals innerhalb 10 Minuten auf Englisch wiederholt. Was genau hat diese Bemerkung über „strada pericolosa“ zu bedeuten? Nun, ich werde es später noch herausfinden.

Im Anschluss werden wir mit Bussen zum Start nach CLUSONE transportiert. Ich sitze neben einem deutschen Trailläufer, welchen ich beim Briefing kennengelernt habe und unterhalte mich mit ihm über das vor uns liegende Abenteuer (er wird später nach 19 Std bei km 61 mit einem blutigen Knöchel und einer Rippenprellung ausscheiden).

Das Rennen

Der Startbereich ist bunt geschmückt und mit zahlreichen Zuschauern gesäumt. Der Anlass scheint ein grosser Moment in diesem verschlafenen Dorf zu sein. 251 Läufer versuchen ihre Angespanntheit zu überspielen und so viel Gelassenheit wie möglich nach aussen zu verbreiten. Ich bin dankbar, ein Teil dieses Events sein zu können.

Stat in Clusone

Stat in Clusone

Unter einem wolkenverhangenen Himmel fällt nach italienischer Pünktlichkeit um 14:02 Uhr der Startschuss zu einem einmaligen Erlebnis.

Nach einer Runde durch die Dorfwinkel von CLUSONE zieht sich der Pfad unter dem Applaus des Publikums rasch steil durch die ersten Serpentinen. Mit meiner persönlichen Zielvorgabe von 28 Stunden nehme ich die ersten Höhenmeter gemächlich in Angriff. Das Feld zieht sich relativ rasch auseinander und ich sehe einige Läufer bereits in weiter Ferne entschwinden. Ich konzentriere mich auf mein Tempo und lasse mich dadurch nicht verunsichern. Nach etwa einer halben Stunde reihe ich mich in eine mir passende Gruppe ein und ziehe mit dieser von dannen. In der Regel bevorzuge ich ein Rennen alleine zu laufen, aber diese Gruppe von 8 Personen weist genau mein anvisiertes Tempo auf und es hat zudem den Vorteil, dass ich mich nicht gross um die Streckenwahl kümmern muss. Von wegen Weg, wo ist der eigentlich? Seit mehreren Stunden kämpfen wir uns auf der Bergkuppe durchs kniehohe Gras. Zumindest die Markierung durch den Veranstalter ist vorbildlich (auf 140 km alle 50 m eine Markierung!).

Über Stock und Stein © Orobie Trail

Über Stock und Stein © Orobie Trail

Ich habe mich im Vorfeld noch gefragt, weshalb so viele Verpflegungsstationen eingeplant sind. Mittlerweile ist mir bewusst weshalb; wir kommen einfach nicht Fleck und die Kilometer-Angabe auf meiner Uhr will einfach nicht in die Höhe gehen. Abwechslungsweise übernehmen die einzelnen Gruppenmitglieder Führungsarbeiten. Als sich der Hochnebel teilweise lichtet, wird mir die Bedeutung der „strada pericolosa“ deutlich bewusst. Auf den Kreten balancierend, fällt das Gelände links und rechts steil ab. Sofort meldet sich meine Höhenangst. Dadurch, dass ich inmitten einer Gruppe von Läufern bin, folge ich einfach meinem Vordermann und blende alles andere aus. Erleichtert überwinde ich diese heiklen Passagen.

Oft muss ich meine Stöcke wegpacken, damit ich die Hindernisse auf der Strecke kletternd überwinden kann.

 

© Orobie Trail

© Orobie Trail

„FORZA“, „VAI“ und „BRAVISSIMO“ wird mir beim Eintreffen in der 1. Life-Base von VALBONDIONE nach 45 km lautstark zugerufen. Gute 8 Std sind seit dem Start vergangen und die Dunkelheit erfordert bereits eine Stirnlampe. Fast 1/3 geschafft geht mir durch den Kopf und ich gönne mir zum Abendessen einen Teller Pasta mit Käse. Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn der Appetit noch vorhanden ist.

Verpflegungsstand © Photo Gio /www.phototogio.it

Verpflegungsstand © Photo Gio /www.phototogio.it

Jemand murmelt mir etwas von Platz 34 zu. Noch ein wenig Kuchen und Kekse mit auf den Weg und weiter geht’s. Ich will den Anschluss an die Gruppe nicht verlieren. Diese hatte sich mittlerweile auf 5 Personen verkleinert. Das ganze Dorf ist auf den Beinen und bejubelt uns lautstark. So eine Begeisterung durfte ich bis anhin nirgends erleben. Im Hintergrund tönt aus den Lautsprechern „the last mohican“. Ich fühle mich gut, Gänsehaut am ganzen Körper! Die nächsten 4 km sind völlig flach und ich überhole im Flow Läufer um Läufer. Unmittelbar später geht es wieder steil bergauf. 1’300 Höhenmeter sind innerhalb weniger Kilometern zu überwinden. Oben an der Verpflegungsstation holen mich 2 Läufer der Gruppe wieder ein. Ich gönne mir eine warme Suppe und etwas Cola. Der Mann im Rifugio öffnet Cola Dose um Cola Dose, damit dürfte er noch eine Weile beschäftigt sein, denke ich. Es ist kurz nach Mitternacht und ich ziehe mir die Ärmlinge über und gehe nach draussen. Im schweissnassen T-Shirt schüttelt es mich kurz durch und ich werfe mir schnell eine leichte Jacke über. Dabei gehen die beiden anderen Gruppenmitglieder an mir vorbei und wünschen mir gutes Weiterkommen. Ich weiss, dass es die nächsten Kilometer nach unten gehen wird und hoffe auf ein rasches Vorwärtskommen. Denkfehler! Der Weg ist teilweise aus der Felswand gehauen oder geht über loses Geröll. Oft dienen Ketten oder Seile zur Sicherung.

Mittlerweile bin ich alleine unterwegs. Helfer der Organisation, welche bei neuralgischen Punkten positioniert sind, harren dick eingelullt in ihren Westen und warten im Mondschein auf die Dinge, die da kommen. Plötzlich schrecke ich auf, im Strahl meiner Stirnlampe erkenne ich eine Gestalt mit Hörnern. Neugierig starrt mir ein Steinbock in die Augen und gibt mir anschliessend kopfschüttelnd den Weg in sein Revier frei. Erste mentale Ermüdungsanzeichen machen sich langsam breit und ich verdränge diese mit konzentriertem Koffein. Etwas munterer geht es Kilometer um Kilometer weiter und ich erreiche den nächsten Verpflegungsposten.

Verpflegungsposten  © Orobie Trail

Verpflegungsposten © Orobie Trail

Dort warten mehrere Sanitäter auf Läufer und ich werde gebeten, mich sofort hinzusetzen. Mir wird eine Rettungsdecke übergeworfen, die Trinkflaschen aufgefüllt und allerlei Essbares in einem Teller gebracht. Was ist los, sehe ich so übel aus? Glücklicherweise nicht, ich bin nur ihr derzeit einziger Gast und sie kümmern sich um mich wie ein König. Ich bedanke mich einmal mehr für die Gastfreundschaft und ziehe weiter in die Morgendämmerung. Ein neuer Tag beginnt mit vielen Höhenmetern. Niemals den Humor verlieren und ich laufe motiviert weiter mit den Gedanken „Berg, Du bezwingst mich nicht!“ Langsam nähert sich von hinten ein weiterer Läufer. Auf meiner Höhe versucht er mit Hilfe seiner Stöcke an mir vorbeizukommen, dabei bleibt sein rechter Stock in einem Felsen arretiert und zerberstet unter lautem Krach. Ich kann den Abstand zum Fluchenden langsam wieder erhöhen. Eine erste Wolkenfront zieht auf und Regen prasselt auf meine Haut. Schnell die Regenjacke anziehen und es kann weitergehen. Bei einer Höhenpassage wird mir mitgeteilt, dass das Rennen unterbrochen sei und ich solle mich zur nächsten Verpflegungsstation weiter unten begeben.

© Photo Gio /www.phototogio.it

Alleine unterwegs © Photo Gio /www.phototogio.it

Der Himmel klart wieder auf und bis ich beim nächsten Refugio ankomme, ist das Rennen mittlerweile wieder freigegeben. Anstatt mir den weiteren Weg auf der Karte zu zeigen, joggt der Postenverantwortliche gleich 300 Meter mit mir mit und weist mir den richtigen Weg. Die Landschaft zeigt sich nun von der schönsten Seite. Eindrücklich spiegeln sich die Gipfel in den verschiedenen Bergseen.

Team TECNICA © Orobie Trail

Team TECNICA © Orobie Trail

Beindruckende Landschaft © Orobie Trail

Beindruckende Landschaft © Orobie Trail

Nach 22 Stunden und 90 Kilometern treffe ich in der 2. Life Base ein. Ich geniesse einen echten italienischen Espresso (es gab vor Ort eine Kaffeemaschine!), verpflege mich nochmals mit Pasta und hole mir ein paar Sachen aus meinem Dropbag. 2/3 der Strecke sind geschafft und ich ziehe motiviert weiter und überhole eine weitere Läuferin. Die Strecke ist jetzt nicht mehr so felsig und ich kann mehrheitlich rennen. Ein Wolkenbruch verwandelt den Untergrund plötzlich zur Regenrinne und die Wege verkommen zu einer Rutschpartie. Bei Kilometer 115 erreiche ich den Ferienort SELVINO. Trotz strömendem Regen stehen die Leute auf der Strasse und schreien und jubeln mir zu und beflügeln mich dadurch. Positione 24 ruft mir jemand zu und klatscht begeistert. Ich nehme mir am Verpflegungsstand eine Orange und beisse herzhaft rein. Saft fliesst mir über die Hände, sofort kommt jemand und reinigt mir mit Servietten die Finger. Irritiert stehe ich da und schaue in die leuchtenden Augen der Zuschauer. VAI SVIZZERO! Das Ganze berührt mich emotional sehr, ich bin doch kein Star! Nicht einmal mehr die doppelte Kerzerslauf-Strecke, schiesst es mir durch den Kopf. Ich bin nicht mehr zu halten und gebe trotz der Witterung auf den letzten Kilometern leidenschaftlich alles. Langsam nähert sich die Altstadt von BERGAMO und ich realisiere, dass ich das Ziel definitiv erreichen werde.

Nach genau 29:32 Stunden laufe ich im Ziel über einen roten Teppich auf die Bühne und geniesse den Jubel. Stolz und glücklich nehme ich das Finisher-Shirt entgegen und geniesse den Moment, einmal im Leben bester Schweizer zu sein.

Live-Tracking

Live-Tracking

Erst am nächsten Morgen erfahre ich, dass aus Sicherheitsgründen die Läufer, welche um 20:00 Uhr erst die Hälfte der Strecke absolviert hatten, aus dem Rennen genommen wurden. Nur 41 Läufer gelangten schlussendlich ins Ziel. Die Gruppe, mit der ich während längerer Zeit zusammen unterwegs war, ist übrigens das offizielle Team TECNICA Italia.

Autor: Kurt Nadler

Bilder: Orobie Ultra Trail Veranstalter und Photo Gio

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3 Antworten zu “Orobie Ultra Trail Rennbericht

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